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AUS ALLERBESTEM HAUSE

Das Politikfenster für einen Wandel zu einer „neuen Hinlänglichkeit“ steht sperrangelweit offen

Denker

Wachstum ist die natürliche Metamorphose des Lebens, ist Fortsetzung, Weiterentwicklung, Erfahrungsschatz. Selbiges per se zu negieren scheitern an der Realität. Gleichwohl ist evident, dass Raubbau, Plünderung und übersteigerte „Verstoffwechselung“ der Natur zu Veränderungen in der Umwelt führen, die wiederum die menschlichen (Über-)Lebensbedingungen erschweren – was wohl eher einem Verwelken als einem Wachstum gleichkäme. Zumindest aus Sicht unserer Spezies.

Diese Aktivitäten gilt es folgerichtig zu begrenzen, vertraut man dem neusten IPPC-Bericht, einem der größten interdisziplinären Weltgemeinschaftsprojekte unserer Zeit. Und trotz einer neu heraufdämmernden multipolaren Welt hatten sich die Machtnationen der Weltgemeinschaft zuletzt ziemlich übereinstimmend zu den Klimazielen bekannt. Über die Problematik scheint also über die Kulturkreise hinweg hohe Einigkeit zu bestehen.

Unendliches Wachstum und seine Grenzen

Doch fernab von der bisher eher symbolischen Klimapolitik liegt ein Umdenken auch aus sicherheitspolitischer Sicht nahe: Steigern wir die Resilienzfähigkeit der liberalen Welt nicht vielmehr durch Wachstumsunabhängigkeit? Der inhärent-krisenhafte Kapitalismus (Kindleberger) brachte dankenswerterweise „alles Stehende und Ständische zum verdampfen“, ermöglichte dutzenden Nationen Massenwohlstand, hat inzwischen aber zunehmend an genuinem Reiz verloren:

Denn zu fragil, zu monopolistisch, zu panisch und zu anfällig für den Einfluss finanzstarker Interessengruppen geriert sich das steigerungsorientierte Grundsystem in der Praxis nunmehr als langfristig unfähig, die liberale Wertegemeinschaft gegenüber archaischen und totalitären Regierungsstilen glaubwürdig zu behaupten.

Was sich durch die bevorstehende Wirtschafts- und Versorgungsmisere öffnet, ist ein policy window, ein Möglichkeitskorridor, um einen neuen Minimalismus zu kultivieren, sozialen Status darin neu zu denken, längst bewährten Kulturkonzepten zu einer neuen Renaissance zu verhelfen und das Wachstum auf eine qualitative Dimension umzulagern. „Wir müssen uns ehrlich machen und sagen: Wir werden den Wohlstand, den wir jahrelang hatten, erstmal verlieren“, wird auch Rainer Dulger zitiert. Immerhin deutscher Arbeitgeberpräsident. „Wir werden am Ende 20 bis 30 Prozent ärmer sein“, urteilt auch Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags.

Die fetten Jahre sind vorbei

Die westliche Welt hat, fernab der euro- und anglozentristischen Weltanschauung, einen schwierigen Stand: Jahrehundertelang wurde auf Kosten schwächerer Länder und der natürlichen Umwelt ein Wohlstandsimperium erschaffen, welches geschichtlich seines gleichen sucht. Auf moralisch tönernen Füßen und mithilfe von internationalem Raubgut errichtet, ermöglicht das westliche System seinen Angehörigen individuelle Freiheitswerte, die manche Traditionalisten verschrecken, viele  Weltanschauungen verstören und gleichzeitig weltweit ungeahnt Begeisterung und Anziehungskraft erzeugen, insbesondere bei den jungen Generationen.

Wenn die G7-Führung nun kürzlich feierlich postuliert mit einer 600-Milliarden-Dollar-Investion einen integrierenden Beitrag zur Weltgemeinschaft und deren Infrastruktur zu leisten (Sprich: Märkte zu sichern), ist das je nach Perspektive zwar nicht die völlig falsche Richtung, hinterlässt aber einen faden Beigeschmack, berücksichtigt man die Ursprünge und die tatsächlichen Dividenden des Wohlstands, der da wohlwollend und jovial mit vollen Händen verteilt wird. Zumal für die weltweite Hungerhilfe gerade einmal 4,5 Milliarden Dollar bereitgestellt werden.

Einen größeren Gefallen täten wir der Weltgemeinschaft, wenn wir strukturell bei uns selbst ansetzen würden.

Gerecht - auf Kosten anderer

Die westliche Kultur darf nicht einer spätmodernen Dekadenz, einer betäubten Sorglosigkeit, einer narzisstisch-ökonometrischen Bezifferungsperversion, einer konzernkapitalistischen Monokultur zum Opfer fallen. Denn mit dem Bild einer innerlich verrotteten, maroden, dekadenten, visionslosen Gesellschaft lässt sich ein unterstützungswürdiges Narrativ - etwa im Wettlauf mit den BRICS-Staaten - weder für die eigenen Bevölkerungen, noch für Menschen im globalen Süden attraktiv gestalten: „Wenn es heißt, von unserer Außenministerin... Wertegeleitete Außenpolitik... und wir fahren nach Katar. Was ist das? Wollen wir die Leute veralbern?

Also wir müssen uns schon entscheiden: Entweder wir meinen das Ernst, oder wir meinen das nicht ernst. Aber wir können nicht sagen: Es gibt bestimmte Länder, da sind wir moralisch und es gibt andere Länder da interessiert uns Moral überhaupt nicht“, argumentiert Richard David Precht am 13.07. bei "Markus Lanz" (ZDF).

So ein neues Narrativ müsste weiterhin die leidvoll erstrittenen Werte wie Vielfalt, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Toleranz und Gleichheit einschließen. Es muss jedoch auch in der Lage sein, diese Rechte nicht auf Kosten anderer zu beanspruchen – d. h. einen achtsamen Umgang mit anderen Menschen, Material und Umwelt einfordern, Lieferketten transparent halten, gemeinwohlorientierte Strukturen stärken, Downsizing betreiben, Konsumreduktion begünstigen und belohnen. Es muss sich um einen gesunden gesellschaftlichen Stoffwechsel („Society with a smaller metabolism“ nach Kallis) bemühen, nachdem wir uns jahrlange regelrecht überfressen haben.

Wir können das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. Die Weste des Westens bleibt in den Augen von Milliarden beschmutzt und wird wohl nie mehr in weiß erstrahlen. Und doch wäre es ein überfälliges Signal an die Weltgemeinschaft, gewissermaßen am zivilisatorischen Sterbebett: Wir Bosch(n)eiden uns jetzt. Wir kultivieren und begünstigen Lebensstile, die nicht nur aus ökologischer Sicht zukunftsfähig sind, sondern selbst aus einer behavioristischen Rational-Choice-Logik für die Mitglieder der Gesellschaft erstrebenswert sind.

Und dabei bemerken wir: Es geht auch anders. Unsere Zufriedenheit sinkt nicht ins Bodenlose, sondern erwächst aus ungeahnten Quellen.

Neuentdeckung der Hinlänglichkeit

Künftig sollte „Fortschritt“ besonders Beachtung, Wertschätzung, wenn nicht gar Neudefinition erfahren, wo er Probleme durch die kluge Kombination von (internationalem) Wissen und Weisheit löst, wo er eine ressourcenleichte Alternative zu bestehenden Konsum- und Aktivitätsmustern darstellt, wo Originalität Massenware ablöst, wo Menschen (wieder) erlernen aus Wenig Viel werden zu lassen, wo mithilfe von Kooperation Brücken geschlagen werden, anstatt konkurrenzbasiert die Dichotomie von Besiegern und Besiegten zu verstärken.

Kurz: Wo eine sensible, rücksichtsvolle Kultur etabliert wird, die den Menschen mehr gibt, als materielle Dinge dies jemals zu tun vermögen. Die zur vollen Entfaltung geistiger Welten ermutigt – ohne den hohen Preis materieller und abstrakter Ersatzbefriedigungen zahlen zu müssen, deren Lebensglücksversprechen uns der unruhige Geist des Kapitalismus immer wieder einzuhauchen versucht. Wo wir nicht „sinn-los“ werden, weil wir uns unsere Sinne zugunsten von Bequemlichkeit abtrainieren. Denn um es mit Rudi Dutschke zu sagen: „Man kann auch gut konsumieren und trotzdem dahin vegetieren“.

Es bedarf struktureller Veränderung

So ein neuer europäischer Minimalismus hätte das Potential die internationale Gemeinschaft um Perspektiven zu bereichern, könnte innergesellschaftliche Spannungen lindern und vor allem die Resilienz und Unabhängigkeit der Demokratien steigern. Doch dafür braucht es strukturelle Veränderungen: Obgleich liberale Kreise bereits jetzt von einem „Semi-Sozialismus“ sprechen, sollten bestimmte Teilbereiche gesellschaftlichen Lebens dabei nicht länger zunehmend marktförmig organisiert werden. Insbesondere die Gesundheits-, Energie- und Nahrungsmittelsektoren der Staaten sollten nicht von privaten Konzernen, sondern wieder von Anstalten öffentlichen Rechts, die keinen dauersteigernden Effizienzanspruch stellen, bestellt werden.

Es sollte eine Rückabwicklung der Neoliberalisierung dieser Politikfelder eingefordert werden. Andere Gesellschaftsbereiche, allen voran das Wohlstands-, Unterhaltungs- und Luxussegment, könnten dagegen einem weitgehend freien Markt anvertraut werden – denn hier halten sich die Auswirkungen in beherrschbareren Grenzen, wenn die unsichtbare Hand ins Leere greift. Wenn es wieder einmal „systemkritisch“ wird.

Das Beste aus allen Welten

Ein zentrales Problem an bestehender Kapitalismuskritik ist die Tatsache, dass die Forderung nach weniger Markt fast immer mit einer Erhöhung der Staatsquote einhergeht. Doch Regierende und Staatsbedienstete sind mindestens ebenso anfällig für Vetternwirtschaft, politische Einflussnahme und Korruption wie freie Märkte, zudem stehen sie im Verdacht, weniger produktiv zu arbeiten (da sie keinem so erheblichen Konkurrenzdruck ausgesetzt sind) und dass sie somit eher zur Verschlimmbesserung der ohnehin angespannten Situation beitragen würden.

Warum also nicht einen dritten Sektor integrieren und mit politischen Programmen begünstigen, etwa gemeinwohlorientierte Unternehmen, NGO’s, Banken, Genossenschaften, Fördervereine, Orts-, Quartiers- und Bürgerverbände, die durchaus an einem Markt operieren, dies aber ohne eine übersteigerte Priorität zur Kapitalakkumulation tun. Dieser Sektor könnte neben den genannten Politikfeldern insbesondere die gesellschaftlichen Bereiche bedienen, die gegenwärtig nach dem Subsistenzprinzip ehrenamtlich erbracht werden, sprich als Lückenfüller für den Kapitalismus dienen.

Denn was allein hier an nicht-erfasster Wertschöpfung schlummert, ist gigantisch: „Bis jetzt hat der Staat institutionell nie die Reinigung der Wohnung oder das Versorgen der Kinder als eine zu entlohnende Arbeit anerkannt:

Die Regierungen haben einfach angenommen, dass die Familien diese Aufgabe erledigen müssen. Diese grundlegenden Tätigkeiten, die unser Leben und unsere Wirtschaft organisieren, wurden privatisiert und ins Innere der Familien verlagert“, kritisiert die neue spanische Gleichstellungsministerin Irene Montero, hält jedoch hoffnungsvoll fest: „Die aktuelle spanische Regierung hat sich selbst als eine feministische Regierung bezeichnet, und ist bereit, den Frauen zuzuhören. Das ist in der Geschichte Spaniens einmalig“.

Erfolgreiche und bestehende Wirtschaftsunternehmen sollten zu Veränderungsbereitschaft und Restrukturierungsbemühungen in Richtung dieser neuen Dimension motiviert werden, beispielweise über politische Anreizsysteme.

Liberalität und Sozialorientierung sollten sich ergänzen, nicht bekämpfen

Es ließen sich gar genuin liberale Forderungen wie die Abschaffung des strengen Lizenzzwangs oder die Aufgabe von althergebrachten Verboten (Milton Friedman) integrieren, um die gesellschaftlichen Übergangsbedingungen zu erleichtern. Sicher könnte dies auch mit Qualitätsverlusten einhergehen – doch diese Qualität hat es schließlich nie ohne ökologisch-planetaren Preis gegeben.

Welche Legitimation haben wir also, diese Qualitäten – ganz im Kind-Ich - für unser Leben einzufordern?

Über neu geschaffene bzw. stärker forcierte Strukturen könnten die nötigen Grundlagen etabliert werden, die eine wachstumsunabhängige Gesellschaft benötigt, um den wachstumsabhängigen Wohlfahrtsstaat in einen nachhaltigen Wohlfahrtsstaat zu transformieren - ohne dabei die größten sozialpolitischen Errungenschaften zu opfern. Hier sind Ansätze eines Grundeinkommens - oder zumindest einer Grundsicherung, die diesen Namen verdient - anschlussfähig, zumal sie dem ebenfalls fundamentalen Problem sozialer Ungleichheit, dem langen Schatten des Kapitalismus, begegnen.

Wenn die Nachfrage nach einer Ware wächst, steigt i. d. R. auch ihr Preis: Der „Wert“ eines Produktes oder einer Dienstleistung geht also stark mit gesellschaftlicher Akzeptanz einher. Wenn nun neben dem freien Markt und der öffentlichen Hand eine dritte Dimension, eine lokal-gemeinschaftlich organisierte Struktur, auf die Bühne tritt, wäre unternehmerische Innovation auch in diesem Feld gefragt, könnte diese Werte und Kapital anziehen, insbesondere aber mit gesellschaftlicher Anerkennung einhergehen. Sie könnte somit weiterhin die menschlichen Triebfedern für unternehmerische Aktivität und Ideenreichtum bedienen und damit die vermeintlich einzigartigen Vorzüge des freien Marktes nutzen. Sie wäre gleichzeitig ein Ausstiegskorridor für Unternehmen, die sich jetzt ohnehin neu erfinden müssen.

Vom Trittbrettfahren zur Vorbildfunktion

Die Kritikerschaft aus verschiedenen politischen Lagern wirft der Führungsriege der western world  vor, durch schleichende Enteignung, einen great reset und eine damit verbundene sharing economy nun insbesondere auch die eigenen Bevölkerungen einem Verzichtszwang zu unterwerfen, der den unausweichlichen systemcrash nur verzögert und letztlich einzig die Mächtigen begünstigt. Andernorts wird das Konzept der eigenen Verteidigungsfähigkeit in merkantilistischer Manier mit wirtschaftlicher Macht zusammengebracht. Am Ende herrsche immer noch die Nation mit der stärksten Wirtschaft und damit gewaltigsten Armee, so zumindest die Denke (ungeachtet der Tatsache, dass Kriege auch trotz „glaubwürdiger Abschreckung“ weiterhin vom Zaun brechen, dann meist als Stellvertreterkriege).

Beide Sichtweisen unterschätzen die gesellschaftlichen Kräfte und die gesteigerte Lebensmotivation, die durch eine verteidigungs- und vertretungswürdige Kultur erwachsen könnten, die auch fernab von Gewinnmaximierung und Steigerungsimperativen vital existieren kann. Die materiell nicht mehr (beständig) in die Totale wächst, aber ideell prosperiert, ungeahnte Synergieeffekt erzeugt. Die global agiert, kommuniziert, entwickelt, partizipiert, „dialektisiert“ - aber vorwiegend lokal produziert und konsumiert.

Ein zukunftsorientiertes, begeisterndes westliches Narrativ, das wäre eine Kultur, die einen intellektuellen Aufbruch wagt, die das Beste aus allen Welten vereint, den kulturellen Schatz aller Kontinente respektiert und antizipiert, um eine Erzählung zu erschaffen, die ihre eigenen historischen Fehler anerkennt und offen diskutiert. Eine Kultur, die jedem Individuum vor dem Hintergrund der traurigen Geschichte von menschlicher Diskriminierung und herdenartigen Distinktionsreflexen ein Partizipationsangebot macht.

Die die Natur zur Autorität erklärt. Die sich zu internationalen Errungenschaften wie den Menschenrechten und der Friedensarbeit bekennt, Mehrheitsmeinungen aber auch immer diskutiert und hinterfragt. Die Menschen etwas zutraut, diese in ihrer Eigenverantwortung in den Mittelpunkt stellt und nicht zu paternalistisch und autoritär auftritt, gleichwohl die existentiellen Grundbedingungen garantiert. Die Stabilität und Werterhalt vor Steigerung und Profitstreben priorisiert, aber trotzdem noch auf den individuellen Beitrag aller Gesellschaftsmitglieder setzt und den Einsatz Einzelner würdigt. Kurzum: Eine ökologisch-kompatible, sozial-orientierte, konkordanzdemokratische Fortschrittskultur. Sicher nicht ohne Verlierer, aber mit viel mehr Gewinnern. Vielleicht nicht das Paradies auf Erden, aber wenigstens kein Paradies auf Kosten der Erde.

Ich bin in einigen Jahren ein weißer, alter Mann – und könnte symbolisch für die Schande einer Menschheitsepoche stehen. Weil die Quellen meiner Lebenszufriedenheit andere traurig machen. Weil meine Selbstsucht einer Fremdgefährdung gleichkommt. Weil ich zwar vieles, aber längst nicht alles hinterfragt habe, was die Vorgenerationen mir an ideellem Erbe, an einem Habitus der Selbstverständlichkeit, antrainiert haben. Und weil ich immer noch zu stolz war, um zu sagen: Ich habe mich geirrt. Wir haben uns geirrt. Der Zivilisationsgrad lässt sich nämlich auch am Grad der Rücksicht untereinander ablesen – und nicht am Bruttoinlandsprodukt.

Existenzielle Wende: Psychotherapie für die Gesellschaft

Doch ebenso wie es politische Kämpfe um die Deutungshoheit um Begriffe wie „Heimat“ gibt, so lässt sich dieses Sinnbild weiterhin beeinflussen. Ich habe kein Interesse an noch mehr Krisen, die entstehen, weil eine simplifizierende, instrumentalisierende Weltanschauung, die vor allem den Interessen weniger Privilegierter dient, einen zentralisierten Markt aus meinem Leben macht. Die ein Leben der Gleichförmigkeit konstruiert. Wir sollten als Gesellschaft definieren, welche Lebensbereiche wir nicht total den Regeln der kapitalistischen Kapitalakkumulation unterwerfen wollen, welche Territorien wir nicht länger freigeben, wo wir der vampirartigen Wertschöpfungslogik die Landnahme untersagen. Aber auch, wo wir sie als Instrument weiterhin nutzen können.

Ob der anhaltend ungleichen Machtkonzentration werden wir die Hilfe der weißen, alten Männer brauchen, um die Geschichte fortzuerzählen, wenn nicht umzuerzählen. Um eine Erzählung zu etablieren, die eine existentielle Wende auf gesellschaftlicher Ebene ermöglicht, also eine radikale Sichtumkehr, in der der (westliche) Mensch sich von der Anspruchs- und Erwartungshaltung an das Leben abwendet und in eine Haltung der Offenheit gegenüber den Anforderungen und Aufforderungen seiner Lebenssituation (und damit der aller nachfolgenden Generationen) wechselt (frei nach Frankl, 1987).

Das politische Möglichkeitsfenster öffnet sich bekanntlich besonders in Zeiten, die unter die Haut gehen. Dann gibt es Spielraum für substanzielle Veränderungen. Konzepte und Ideen für eine wachstumsunabhängigere, adaptive Gesellschaft liegen nicht nur an den deutschen Hochschulen lange bereit. Unsere politischen Vertretungen brauchen jetzt noch die Signale, dass auch die Bevölkerungen der europäischen Republiken bereit für eine Wohlstandswende sind, weil sie begreifen, dass die zivilisatorische Zukunft nicht länger in einer Materialschlacht erstritten werden kann.


Autor:

Marius L. Fröchling

Referent für Politische Jugendbildung im HAUS RISSEN

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